
(Foto Fantur: Büste des römischen Kaiser und Stoikers Marcus Aurelius, Kunsthistorisches Museum, Wien)
„Wer Unrecht handelt, handelt gottlos. Denn die Natur hat die vernünftigen Wesen füreinander geschaffen nicht, daß sie einander schaden, sondern nach Würdigkeit einander nützen sollen,“ stellt der römische Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) in seinen „Selbstbetrachtungen“ (9. Buch, Kapitel 1) fest.
„Ungerecht scheint zu sein: einmal der Gesetzesübertreter, zweitens der Habsüchtige, …, drittens der Feind der Gleichheit“ (Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 5. Buch, Kapitel 2).
Sozialer Ausgleich gegen Habsucht
Gerechtigkeit ist eine weitere stoische Tugend. Für den Stoiker Aurelius – einem etwas anderen römischen Kaiser, im Vergleich zu einigen blutrünstigen römischen Tyrannen-Kollegen – folgt man der Vernunft, wenn man gerecht handelt. Der Habsüchtige ist Freund der Ungleichheit. Gerechtigkeit umfasst Gleichheit und Fürsorge um das Wohl eines jeden. So widerspricht das Unrecht-tun der Vernunft und der Natur.
Dem sozialen Ausgleich und dem Gedanken des Gemeinwohls entspricht folgende Forderung Aurels: „Dem, der zu wenig hat, muß man so viel hinzugeben, als die Mittel sein Teil übertrifft, und dem, der das meiste hat, soviel wegnehmen, als die Mitte von seinem Teil übertroffen wird.“ (Mark Aurel, Selbstbetrachtungen, 5. Buch, Kapitel 7). Der Maßstab wäre die Proportionalität und nicht die Gleichmacherei.
Unrecht – kein Ruhekissen
Marcus Aurelius bringt es auf den Punkt: „Wer unrecht handelt, schadet sich selbst.“ (Aurel, Selbstbetrachtungen, 9. Buch, Kapitel 4). Will Mark Aurel damit sagen, dass der Ungerechte sich selbst mehr schadet als den anderen? Lässt ihn seine ungerechte Lebensweise unruhig schlafen und hofft er vom Hüter des Gesetzes nicht erwischt zu werden? Befürchtet er, dass er einmal Opfer der Vergeltung wird? Aurel fügt noch diesen Satz hinzu: „Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut, nicht bloß, der etwas tut.“ (Aurel, Selbstbetrachtungen, 9. Buch, Kapitel 4). Auch Mitläufer des Unrecht-tuns sind keine Unschuldslämmer.
Lit.: Marc Aurel, Selbstbetrachtungen – Marcus Aurelius. Selbsterkenntnisse des römischen Kaisers Marcus Aurelius, Musaicum Books, o. O., 2017

