Gemeinwohl

FRIEDE KÜSST GERECHTIGKEIT

 (Foto Fantur: Gerechtigkeit auf die Waagschale legen)

 

 

„Es begegnen sich Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich. Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder. Auch spendet der Herr dann Segen, und unser Land gibt es einen Ertrag.“ (Psalm 85, 11-14)                                                                      

Dieser Psalm im Alten Testament setzt zum Wohlergehen im Herrschaftsgebiet Jahwes bestimmte Werte des Zusammenlebens voraus. Dazu zählen die Gnade, die Treue, der Friede und die Gerechtigkeit. Erst dann spendet Gott seinem Volk den Segen und gibt seinen Ertrag. 

 

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IM NAMEN DER GERECHTIGKEIT

(Foto Fantur: Büste des römischen Kaiser und Stoikers Marcus Aurelius, Kunsthistorisches Museum, Wien)

 

„Wer Unrecht handelt, handelt gottlos. Denn die Natur hat die vernünftigen Wesen füreinander geschaffen nicht, daß sie einander schaden, sondern nach Würdigkeit einander nützen sollen,“ stellt der römische Kaiser Marc Aurel (121-180 n. Chr.) in seinen „Selbstbetrachtungen“ (9. Buch, Kapitel 1) fest.

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HEMD IST SO NAH WIE DER ROCK

(Foto Fantur: … nur äußere Unterschiede)

 

„Jemandem sitzt das Hemd näher als Rock“ oder „Jeder ist sich selbst der Nächste“, sind Redensarten, die im Alltag nichts von ihrer Aussagekraft verloren haben. Wenn bei Menschen die Grundbedürfnisse und das Gemeinwohl nicht gedeckt sind und der Alltag nur mit großer Mühe gestemmt werden kann, dann können diese beiden Redewendungen zum Überlebensprinzip werden und die Moral kann einen Tiefgang erfahren.

 

Ausgestreckte Hand 

In der katholischen Soziallehre wird im Personalprinzip die individuelle und soziale Natur des Menschen hervorgehoben. Dies kommt im Doppelgebot der Liebe zum Ausdruck: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ (Lev. 19,18; Mt. 22,39). Man sollte sich selbst annehmen, respektieren, beachten, sich kümmern und sich  lieben, um imstande zu sein, dementsprechend auch den Nächsten so zu behandeln. Man begegnet dem andern emphatisch und streckt ihm die Hand zur Hilfe aus. Nach dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber wird der Mensch erst durch das Du zum Ich. Durch die Solidarität bekommt die Selbst – und Nächstenliebe eine Steigerungsform, ein höheres Niveau, einen höheren Rang.
 

Helfende Hand 

Zur katholischen Soziallehre gehören auch das Solidaritäts– und Subsidiaritätsprinzip. Bestandteil der Solidarität ist das Füreinander–Dasein, das Füreinander–Sorgen, das Füreinander–Verantworten. Diese soll jedwede Ausgrenzung überwinden. Die Solidarität würde durch folgende Redensart noch eine Steigerungsform erhalten: „Für jemanden das letzte Hemd hergeben.“ In diesem Fall wird die Selbstliebe total der Nächstenliebe untergeordnet. Das Subsidiaritätsprinzip (subsidium, lat. = Unterstützung, Hilfe) besagt, dass die Allgemeinheit verpflichtet ist, dem untergeordneten Gemeinwesen unter die Arme zu greifen. Demnach müssten die staatlichen Einrichtungen und Ministerien (lat. Dienststellen) den Menschen, den kirchlichen Sozialeinrichtungen, Non-Profit-Organisationen, den freiwilligen Helfern, … dienen und nicht umgekehrt.

 

GREIF MEINE WÜRDE NICHT AN!

(Foto Fantur: Buntheit in Einheit)

 

„Der Mensch muss Träger, Schöpfer und das Ziel aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein.“ (Mater et Magistra, 219) Das ist das Grundprinzip der katholischen Soziallehre. In der Natur gleicht kein Blatt dem anderen und auch keine Person der anderen. Jeder Mensch ist trotz seiner Fehler einzigartig, ein Individuum (ungeteiltes Wesen) mit Würde ausgestattet, ein Abbild Gottes und zugleich Teil der Gesellschaft. Das würdigt erst eine Person.

 

Der Würde entblößt 

Im Kontrast dazu steht die Entwürdigung des Menschen, wenn er als wertlos behandelt, nicht gewollt und ausgegrenzt wird; zum Beispiel, wenn für Behinderte der Zugang zu öffentlichem Leben unmöglich gemacht und sexuelle Andersartigkeit diskriminiert wird, wenn geschlechtliche Gewalt ausgeübt und dem Kind das Kind-Sein geraubt wird, … . Entwürdigend ist auch der Rassismus, der die Hautfarbe, die Muttersprache und Kultur des anderen von vornherein ablehnt sowie verfolgt. Die Würde bleibt auch auf der Strecke, wenn die Technik und das Wirtschaften zum Selbstzweck werden und nicht mehr in erster Linie dem Menschen dienen. Im Krieg geht jede Personenwürde verloren, wenn der Mensch zum Kriegsmaterial entwürdigt wird.
 

In Würde bewahrt 

Das Personalitätsprinzip der katholischen Soziallehre besagt, dass jede Person, ohne Ausnahme sich selbst entfalten darf, um in Würde das Leben gestalten zu können. Dabei ergänzen sich die persönliche Selbstverwirklichung in Vereinigung mit der Vielfalt. Auf diesem Wege könnte das Gemeinwohl (Bonum Commune) für alle verwirklicht werden. 

WOHL ERGEHEN OHNE ABSTRICHE

(Foto Fantur: Garten der Villa Carlotta in Tremezzina, Como, ITA)

Politisch Verantwortliche heben stets hervor, allein das Wohl der Wähler:innen im Auge behalten zu wollen und sie behaupten nur Diener des Volkes zu sein. Demnach dürfte es keine Kriege mehr geben, Andersdenkende nicht inhaftiert und getötet werden und jeder müsste einen Zugang zu den Grundbedürfnissen des Lebens haben. So müsste der Respekt vor dem Wert des menschlichen Lebens allgemein anerkannt und bei Verletzung verfassungsrechtlich angeprangert werden. Es ist halt leider nicht so, da doch immer wieder Eigeninteressen dem Gemeinwohl übergeordnet werden.
 

Lebenssaft „Gemeinwohl“ 

Ein Grundprinzip der Soziallehre der katholischen Kirche ist das Gemeinwohl (Bonum commune), das gefördert und allen Menschen zugänglich gemacht werden muss (vgl. Gaudium et spes, II. Vatikanisches Konzil, Nr. 26). Das Gemeinwohl ist wie ein Baum, der den Ästen, Zweigen und Blättern Halt, Erhalt und den „Saft“ gibt. Das Bonum commune enthält lebensgrundlegende Bausteine:

 
Da wären die Grundbedürfnisse, wie Recht auf Arbeit, gerechter Lohn, Nahrung, Kleidung, Wohnung, die gedeckt werden müssen. Das wäre die Grundlage für ein Leben und Alltag in Würde. Das Gemeinwohl sei das oberste Ziel des Wirtschaftens. Dem steht in der Realität die Lohn-Ungerechtigkeit, die ungerechte Verteilung der Ressourcen und der Grundnahrungsmittel, die Ausbeutung, … gegenüber.
 

Freiheit mit Verantwortung 

Zum Bonum commune (engl. Commonwealth) gehört auch die Freiheit. Sie ist die Summe aller persönlichen Freiheiten, die in Verantwortung die Freiheit des anderen achten und nicht einschränken. Trotz allem wird dieses Gut eingeschränkt: die Freiheit wird auf Kosten anderer rücksichtslos ausgelebt, der gute Ruf geschädigt, Andersdenkende verfolgt und getötet, Regierende bestellen willfährige Richter, … . Das Allgemeinwohl ist der Garant für die Würde des Menschen!

(Foto Fantur: Lienzer Passage am Hauptplatz)