Nikomachische Ethik

LUST AUF GLÜCK

(Foto Fantur: Graffiti am Neuen Platz in Klagenfurt)

 

Sie haben nicht viel und sie können sich nicht viel leisten. Kinder freuen sich über jede Kleinigkeit, auch über ein Bild, und strahlen dabei Glück aus. Das kann sich schnell ändern, wenn ihnen das Mehr-Haben-Wollen anerzogen wird. Dann wird das kindliche Glück messbarer und kalkulierbarer.

Die innere Stimme des Glücks

Was macht menschliches Glück aus? Dazu der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.): „Die Glückseligkeit (Eudaimonia) stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.“ (Aristoteles, Nikomachische Ethik) „Eudaimonia“ (griech.) wird als Glückseligkeit übersetzt. „Daimonia“ steht wie das göttliche Wesen, das durch die innere Stimme dem Menschen den Zustand des Glücks, des Guten und des Schönen (griech. eu) ermöglicht.

Materielle Glücksgrenzen

Aristoteles erläutert zuerst das Glück, das etwas „Greifbares und Sichtbares wie Lust, Reichtum und Ehre“, ist. Der Notleitende strebt nach Reichtum und der Kranke nimmt alles für seine Gesundheit in Kauf. Hier werden die diesseitigen Güter zum Prinzip des Glücks erhoben. Diese Glücksgefühle müssen mit immer mehr Lust, Reichtum, Ehre, Medikamente, … gefüttert werden. Dies geht so lange, bis die Glückssträhne Rückschläge erleidet und materielle Glücksangebote nicht mehr verfügbar sind. „Das auf Gelderwerb gerichtete Leben hat etwas Unnatürliches und Gezwungenes an sich und der Reichtum ist das gesuchte Gut offenbar nicht. Es ist nur für die Verwendung da und nur Mittel zum Zweck.“ (Aristoteles)

Grenzüberschreitendes Glücksgefühl

Aristoteles bezeichnet die Güter der Seele als die vollkommenen Güter. Das Glück ist ein Geschenk der Götter an den Menschen. Aristoteles war umgeben von der damaligen altgriechischen Götterwelt. Der Philosoph erhebt das Glück, das von Gott ausgeht, zum Prinzip, welches uns leitet. So wird der Mensch mit den „Unfällen des Lebens“ erst leichter fertig.

Von der Genügsamkeit zum Glück

Das von Gott gegebene Glück äußert sich in der menschlichen Tugend, der „tätigen Seele“. Aristoteles: „Verstandestugenden sind Weisheit, Verstand und Klugheit, sittliche Tugenden Freigebigkeit und Mäßigkeit.“ Demnach soll sich der Mensch von der Trägheit der Vernunft befreien. Für die von Leidenschaften und Begierden befreite Seele, werden die verfügbaren Gütermittel nur zum Zweck sein. Die Seele wird nicht in Geiselhaft der materiellen Güter sein, sondern in der Leidenschaftslosigkeit die Ruhe erst erleben. Aus Lust auf mehr, wird Lust auf Lebenserfüllung. Die Enthaltsamkeit wird erst den Horizont für weitere seelische und geistige Errungenschaften ermöglichen und die Mäßigung wird die Gier, den Neid und die Völlerei eindämmen.

Lit.: Aristoteles, Nikomachische Ethik, Aristoteles Media, Erstes Buch, Kapitel 1-13